„Amerika ist entscheidend für unseren Erfolg“
Frederique
van Baarle ist seit dem 1. April 2023 Vorstandsmitglied und
Arbeitsdirektorin von LANXESS. Ihre Aufgaben nimmt sie überwiegend von
Pittsburgh, USA, aus wahr. Im Interview erläutert sie, wie sie die
Situation und die Zukunft von LANXESS einschätzt.
Frau
van Baarle, Sie waren kürzlich in Köln und haben am
Innovations-Workshop teilgenommen. Als Vorstand ist Ihnen dieser Stream
zugeordnet. Hat sich die Reise für Sie gelohnt?
Absolut!
Es war ein sehr beeindruckender Tag für mich. All die Kolleginnen und
Kollegen aus der ganzen Welt, die dort zusammengekommen sind: Sie
brennen für Innovation. Das war sehr mitreißend und auch energiegeladen.
Inhaltlich wurde deutlich, dass wir bei LANXESS bereits eine Reihe
guter Produktentwicklungen und interessanter Forschungsansätze haben.
Aber wir brauchen definitiv noch mehr davon, um unser nachhaltiges
Wachstum zu sichern. Wie wir dafür die bestmöglichen Strukturen schaffen
können, haben wir im Workshop engagiert und kontrovers diskutiert. Der
Tag hat mir einmal mehr gezeigt, wie sinnvoll und bereichernd es ist,
wenn Teams aus unterschiedlichen Bereichen und mit unterschiedlichen
Hintergründen gemeinsam an solchen Herausforderungen arbeiten.
Wie geht es nun weiter?
Jetzt
geht es darum, die Ergebnisse zu konsolidieren und Teams zu bilden, die
sich ab Sommer um die Umsetzung kümmern. Wir haben natürlich das klare
Ziel, mit unseren Innovationen so schnell wie möglich Wachstum zu
generieren und das EBITDA deutlich zu steigern. Klar ist aber auch:
Innovationen tragen dazu bei, unsere Welt sauberer zu machen und den
Menschen ein gesünderes und nachhaltigeres Leben zu ermöglichen. Dabei
spielt die Chemie eine entscheidende Rolle. Diese Vision sollte uns alle
anspornen, intensiv an Innovationen zu arbeiten.
Kommen wir
zu Ihrer Vorstandsarbeit, die Sie überwiegend von den USA aus ausüben.
Das ist einmalig in der Geschichte von LANXESS. Was sind die Vorteile?
Ich
habe nun die einzigartige Möglichkeit, verschiedene Perspektiven in die
Diskussionen des Vorstands und des Konzerns einzubringen. Ich erlebe
den American Way of Life hier jeden Tag. Das gibt mir einen anderen
Einblick in das Denken und Handeln der Amerikaner und vielleicht auch
ein tieferes Verständnis für den Markt und die Entscheidungen der
Verbraucher. Darüber hinaus bin ich jetzt auch Boardmember des American
Chemical Council, das ist der Unternehmerverband der amerikanischen
Chemieindustrie. Auch durch diese Tätigkeit gewinne ich viele Einblicke,
verstehe auch manche regulatorische Entscheidung. Das alles führt dazu,
dass ich bei manchen Themen noch andere Aspekte in die Diskussion
einbringen kann.
Ganz allgemein gefragt: Wie wichtig ist der
US-Chemiemarkt im Vergleich zu dem Chinas? Die chinesische Wirtschaft
steckt in der Krise.
China ist nach wie vor die Nummer eins auf
dem Chemiemarkt, wenn es um Umsatz und Produktionsvolumen geht. Aber für
uns als deutsches Unternehmen haben die USA als Produktionsstandort
viele Vorteile. Es ist kein Zufall, dass wir unsere Präsenz hier durch
den Kauf von Chemtura, Emerald Kalama und des
Microbial-Control-Geschäfts von IFF deutlich verstärkt haben.
Sind die USA unser Hoffnungsträger?
Ich
habe im Laufe meiner Laufbahn in verschiedenen Ländern gelebt und
gearbeitet. Dabei habe ich festgestellt, dass die USA enorme Vorteile
für Unternehmen bieten: zuverlässige Energieversorgung, Rohstoffe,
sichere Transportlösungen und qualifizierte Arbeitskräfte. Das alles
zusammen macht die USA sehr attraktiv. Hinzu kommen die großen
Förderprogramme der US-Regierung, von denen wir profitieren können. Ich
glaube, dass der zukünftige Erfolg unseres Unternehmens wesentlich von
unserer Performance in den USA abhängen wird. Auch deshalb ist es
richtig, dass wir mit meiner Präsenz hier ein Zeichen setzen und uns
verstärkt für die Belange der chemischen Industrie in der Politik
einsetzen.
Wie schätzen Sie die Wachstumschancen für LANXESS in den USA ein?
Grundsätzlich
gut. Wir haben unseren Anteil am Gesamtumsatz von LANXESS in den
vergangenen Jahren bereits deutlich gsteigert. Die Region Americas ist
von rund 20 auf 35 Prozent gewachsen. Und wir wollen weiter organisch
wachsen.
Die Ihnen unterstellten Business Units LAB, PLA und RCH hatten im vergangenen Jahr einige Herausforderungen zu meistern ...
Es
ist kein Geheimnis, dass wir schwierige Zeiten durchleben. Aber es gibt
nun auch erste Anzeichen für vorsichtigen Optimismus. Die BUs, die
jetzt besonders von der Krise betroffen sind, waren in der Vergangenheit
oft diejenigen, die andere durch ihre gute Performance aufgefangen
haben. So etwas wechselt immer wieder. Solche Krisen zeigen, wie wichtig
die Diversifizierung unseres Unternehmens ist. Genauso wie unser
Ansatz, neue Märkte und Chancen zu erschließen. So kann jeder
Geschäftsbereich und jede Region dazu beitragen, uns aus der Talsohle zu
führen.
Wie wirken sich die US-Wahlen im November auf die Geschäfte aus? Was würde ein Regierungswechsel für LANXESS bedeuten?
Wir
gehen davon aus, dass die Situation in den USA stabil bleibt,
unabhängig davon, wer die Wahl gewinnt. Denn das System der Checks and
Balances, also der Gewaltenteilung, ist in der Geschichte der USA fest
verankert. Solange das Weiße Haus, der Kongress und der Supreme Court
ihre jeweiligen Befugnisse gesetzeskonform ausüben, sehen wir keine
unmittelbare Gefahr. Dennoch bereiten wir uns auf einen möglichen
Wechsel vor.
Was genau tun Sie?
Sollten nach der Wahl
heimische Produkte durch mögliche Zölle besonders geschützt und Importe
extrem benachteiligt werden, hätte das natürlich auch Auswirkungen auf
uns. Für dieses Szenario untersuchen wir, wie groß unsere Importe aus
Europa und China in die USA sind, und entwickeln Strategien, wie wir auf
solche veränderten Rahmenbedingungen reagieren würden.
Was würde ein Wechsel für die beantragten Fördermittel bedeuten?
Wir
gehen davon aus, dass einmal zugesagte Mittel auch unter einer anderen
Regierung Bestand haben. Außerdem versuchen wir derzeit, noch vor der
Wahl möglichst viele öffentliche Mittel und Zuschüsse zu sichern. Sehr
erfreulich ist, dass wir vor kurzem die Bewilligungsbescheide für zwei
Anträge auf Steuergutschriften erhalten haben. Nun warten wir auf die
für August erwartete Rückmeldung zu zwei Anträgen auf
E-Mobility-Förderung. Diese positiven Rückmeldungen haben mir wieder
einmal gezeigt: Wir schaffen alles, wenn wir nur wollen. Denn es ist
nicht so einfach, wie es klingt, solche Anträge erfolgreich zu stellen.
Auch das Lithium-Projekt in El Dorado ist ein Forschungsprojekt. Wie geht es dort voran?
Im
Februar hatte ich die Gelegenheit, die Gouverneurin von Arkansas
persönlich zu treffen. Sarah Huckabee-Sanders ist daran interessiert,
die Position von Arkansas im globalen Lithiummarkt zu sichern und
auszubauen. Das Gespräch mit ihr verlief sehr konstruktiv. Für uns ist
es gut, dass die Politik hinter uns steht. Jetzt müssen wir sehen, wie
sich das Projekt weiter entwickelt.
Sie sind auch die Arbeitsdirektorin des Konzerns. Worin sehen Sie derzeit Ihre Hauptaufgabe?
Wir
erleben zurzeit große Veränderungen im Konzern. Unsere Mitarbeitenden
haben Fragen und Sorgen. Diese nehmen wir sehr ernst. Aber die zum Teil
schmerzhaften Veränderungen, die wir vornehmen mussten, sind
unumgänglich. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass unsere Mitarbeitenden
die Chancen erkennen, die ein stärkeres und besser aufgestelltes
LANXESS bietet. Gemeinsam gestalten wir jetzt die Zukunft unseres
Konzerns. Dazu gehört es auch, die Integration der neuen Kolleginnen und
Kollegen zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.
Wo sehen Sie LANXESS in zehn Jahren?
Es
muss uns immer wieder gelingen, intelligent auf regulatorische und
wirtschaftliche Veränderungen zu reagieren. Auch technologische Umbrüche
oder gesellschaftsverändernde Innovationen, die sich beispielsweise aus
dem verstärkten Einsatz von künstlicher Intelligenz ergeben, müssen wir
frühzeitig erkennen und in unsere Entscheidungsprozesse einbeziehen.
Das alles schaffen wir gemeinsam. Denn an vielen Stellen im Konzern –
zum Beispiel bei Förderanträgen – zeigt sich für mich: Wenn wir etwas
richtig wollen, dann schaffen wir es auch. Ich vertraue dabei ganz auf
die Menschen bei LANXESS, auf die hart arbeitenden, engagierten
Kolleginnen und Kollegen. Sie sind das Rückgrat des Konzerns – und auch
seine Zukunft.
Lebenslauf
Frederique van Baarle wurde 1971 in Geleen, Niederlande, geboren. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder.
Berufliche Stationen
Nach ihrem Studium bekleidete sie ab dem Jahr 2000 verschiedene Management-Positionen bei der Royal DSM.
2011 kam sie zu LANXESS und übernahm die Leitungsposition Global Marketing und Supply Chain für EPDM- Kautschuk.
Von 2013 bis 2018 leitete sie die Business Line Engineering Plastics für die Region EMEA.
Von Dezember 2018 bis Mai 2020 verantwortete sie die Group Function Global Procurement and Logistics.
Ab Juni 2020 übernahm sie die Leitung der Business Unit High Performance Materials.
Vorstandstätigkeit
Seit dem 1. April 2023 ist Frederique von Baarle Mitglied des Vorstands und Arbeitsdirektorin. Die ihr unterstellten Geschäftsbereiche sind die Business Units Lubricant Additives Business, Polymer Additives und Rhein Chemie. Sie ist auch für die Region Americas zuständig. In der Initiative Business Excellence verantwortet sie den Stream Innovation. Sie übt ihre Tätigkeit hauptsächlich von Pittsburgh aus. Ihr Vertrag läuft bis zum 31. März 2026.